Dienstag, 25. Juli 2017

"Lieber Mr. Salinger" von Joanna Rakoff

- im Wesentlichen so bereits bei Goodreads eingestellt, aber der Blog soll ja auch leben :) - 

Joanna Rakoff erzählt in dem Buch "Lieber Mr. Salinger" von ihrem Jahr in einer Literaturagentur und ihrer Entwicklung vom Greenhorn zu jemanden, der eine Geschichte verkauft, garniert mit Einblicken in ihr persönliches Leben in diesem Jahr; das Buch basiert - mit einigen Zeitraffern u. Namensänderungen - auf Tatsachen.

Ich weiß noch immer nicht genau, wie ich "Lieber Mr. Salinger" einordnen soll: Einerseits war es für mich interessant zu lesen, was eine Assistentin Ende der 1990er in dieser konkreten Literaturagentur - die u.a. Salinger vertrat - zu tun hatte und welche Gepflogenheiten dort herrschten. Andererseits wundere ich mich darüber, wie sie überlegt, was wohl Salinger zu einem Briefschreiber sagen würde und aufgrund dessen einen Brief abfasst, wenn die Autorin zu diesem Zeitpunkt nur den Namen des Autors kannte. Erst nach ca. einem Dreivierteljahr in der Agentur greift sie zu seinen Werken (ich wäre wohl schon früher neugierig geworden, zumindest als es mit "Hapworth" losging). Und dann - bei anderer Gelegenheit - kommt Folgendes (Zitat S. 139 der von mir gelesenen TB-Ausgabe):

"Ich wünschte, ich hätte nicht nur mehr, sondern auch andere Büchere gelesen. Es tat weh, wenn ich an die vielen verschenkten Jahre dachte, in denen ich alles verschlungen hatte, was mir irgendwie in die Hände fiel, in der Stadtbücherei oder im Bücherregal meiner Eltern: die Beststeller aus den Dreißiger- und Vierzigerjahren, deren Autoren längst vergessen waren, die Komödien, die mein Vater so liebte, und die vielen Agatha-Christie- und Stephen-King-Romane, den ganzen Schund. Sicher, es waren auch gute Sachen dabei, allerdings eher aus Versehen: Flannery O'Connor, Shakespeare, von dem ich sowohl die Lamb-Erzählungen als auch die gesammelten Werke im Original geselesen hatte, die Bronte-Schwestern, Tschechow und allerlei zeitgenössische Autoren, die ich in der Bücherei einzi gund allein deshalb aus dem Regal mit den Neuenerscheinungen nahm, weil mir der Titel oder das Cover gefiel. So viele Stunden, die ich lesend auf meinem Bett, dem elterlichen Sofa, im Garten oder auf den Rückbänken unseres Autos zugebracht hatte, wenn wir in die Ferien fuhren; so viele Stunden, die mir die gesammtelten Werke von Dickens, Trollope oder Dostojewski hätten näherbringen können. Oder Proust. Die Liste nahm kein Ende, so viele Bücher, die ich nicht gelesen hatte, so viele Dinge, die ich nicht wusste."

Mal abgesehen davon, dass sie nicht weiter ausführt, wie alt sie war: Wirklich? Die Autorin tut mir gerade leid - aber nicht, weil sie so vieles noch nicht gelesen hatte, sondern weil sie offenbar nicht wertschätzen konnte, dass das von ihr Gelesene sie weiterführte bis hin zum Studium der Englischen Literatur (in Ohio und später in London, scheinbar auch im Studium noch ohne Salinger und Dickens, wenn sie beide Autoren zum Zeitpunkt ihres Bedauers im Roman immer noch nicht kannte). Mich ärgert diese Einstellung. Sicher, man kann darüber diskutieren, ob "Besser irgend etwas lesen als gar nichts lesen", die "richtige" Einstellung ist -insbesondere in dieser Pauschalierung -, aber mal fröhlich nicht weiter spezifizierte Komödien oder vergessene (und wieder nicht weiter benannte) Autoren der 30er und 40er neben Christie und King als Schund zu bezeichnen, regt mich auf.

Neben den Geschehnissen im Job berichtet die Autorin über ihr privates Leben mit Eltern, Freunden, dem Partner. Soweit, so interessant, aber ich musste nicht wissen, welche Kleidung sie wann anzog und warum und welches Sandwich bei welchem Shop gekauft wurde. Und warum durchaus wichtige Details erwähnen (ein von ihr gefundener Brief ihres Partners, die Schuldenraten, die sie nicht begleichen kann ) und sich dann darüber monatelang ausschweigen (Brief) oder den Eindruck vermitteln, sie hätte keine Auswirkungen (Schuldenraten) auf ihr Leben.

Aber der vorherrschende Gedanke bei mir ist noch immer: Was empfinden wohl all die Menschen, die an Mr Salinger zu Händen der Agentur geschrieben haben und jetzt dieses Buch lesen; müssen manche Dinge - was mit den Briefen passiert/e - wirklich ausgesprochen werden? Warum nicht manchmal Illusionen aufrechterhalten? 

Kommentare:

  1. Die Einstellung finde ich auch völlig daneben. Was hat uns denn zu Leserinnen gemacht, Hanni und Nanni, Abenteuerbücher. Ok, die Unendliche Geschichte. Der Absatz ist echt arrogant und snobbistisch. Im Übrigen kenne ich einige Leute, die was von Literatur verstehen und die The Catcher in the Rye echt hassen...
    Da bin ich direkt froh, dass ich mich dagegen entschieden habe, dieses Buch zu lesen ;-)

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    1. Ich habe darüber nachgedacht, Anette, ob ich vielleicht Ironie nicht erkannt habe, aber spätestens aufgrund des Satzes "Sicher, es waren auch gute Sachen dabei ..." habe ich diese Überlegung ad acta gelegt.

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  2. Für mich klingt das Zitat, als ob sich die Autorin heute schämen würde für ihrer Buchauswahl als Kind/Jugendliche. Wer so fühlt, der kann mir nur leid tun. Denn die Person vergisst, wie viel Freude und wie viele Ideen all diese Bücher einem beim Lesen bereitet haben - wie traurig, wenn man das Lesen nur noch so schwarz-weiß betrachten kann.

    Auch sonst habe ich nicht das Gefühl, als ob ich mit der Autorin warm werden könnte, was ja gerade dann, wenn jemand von seinem Leben und seiner Arbeit berichtet, doch recht wichtig ist. ;)

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    1. Ja, mir tut sie auch leid , Winterkatze ...

      Die Beantwortung der Salinger-Briefe durch sie,ohne dass sie sich vorher mit dem Autor weiter beschäftigt hat - so lese ich jedenfalls ihre Ausführungen - , hat bei mir schon für hochgezogene Augenbrauen gesorgt, aber der Absatz hat mich dann wirklich geärgert.

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    2. Uh, das mit den Briefen klingt aber auch sehr fies gegenüber den Lesern.

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